Antrag an die Stadtversammlung der Münchner Grünen, 22.02.2010:

Jüdische Vielfalt in München stärken:
Eine Synagoge für die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom

Jüdisches Leben in München ist vielfältig – Vielfalt braucht jedoch auch ein entsprechendes Umfeld um sich entfalten zu können. Die Münchner Grünen fordern deshalb die Stadtratsfraktion auf, sich für die Errichtung eines Gemeindezentrums mit Synagoge für die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom auf dem Grundstück Am Gries einzusetzen sowie eine Beteiligung an den Kosten des Neubaus und/oder andere Formen der Bezuschussung wohlwollend zu prüfen.

Begründung:

Das liberale Judentum
Bevor München zur „Hauptstadt der Bewegung“ wurde, stand bis 9. Juni 1938 Münchens Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße 5 – es war eine liberale Synagoge.

Das liberale Judentum betont die Gleichheit aller Menschen und die Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit, ethische Werte haben bis heute den Vorrang vor rituellen Geboten. Weitere wichtige Facetten aus grüner Sicht sind die Grundsätze des liberalen Judentums: Es beruft sich auf die Gleichheit der Geschlechter (es können auch Frauen zu Rabbinerinnen ordiniert werden) und unterscheidet sich im Gottesdienst sowie im Gebet demzufolge nach vom traditionellen Gebetsbuch. So wurden manche Gebetspassagen geschlechtspezifisch neutralisiert bzw. unformuliert, beispielsweise der diskriminierende Passus der Lobpreisung „Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nicht als Frau geschaffen hat,“ ersetzt durch die Worte „der mich in seinem Ebenbild geschaffen hat.“

Das liberale Judentum hat seinen Ursprung um 1900 in Deutschland, bis es von den Nazis vertrieben bzw. vernichtet und zerstört wurde. Lange Zeit bestanden die jüdischen Gemeinden in Nachkriegs-Deutschland zum Großteil aus alten Menschen und der Gottesdienst sowie die Synagogen waren vorwiegend orthodoxer Prägung. Langsam entsteht nun neben den überwiegend orthodoxen Gemeinden wieder liberales Judentum in Deutschland. Seit den 90er Jahren und dem stetigen Zuwachs der jüdischen Gemeinden, gibt es auch wieder ein lebendigeres Judentum in Deutschland: Ein Anknüpfen an Traditionen und ein Aufleben der jüdischen Vielfalt. Diese religiöse jüdische Vielfalt in München gilt es zu stärken und deren progressive religiöse Lebensweise zu unterstützen, auch durch ein öffentliches Zeichen – eine Synagoge.

Beth Shalom
Im März 1995 wurde die Gemeinde Beth Shalom offiziell gegründet, entstanden ist sie aus einer Gruppe überwiegend amerikanischer jüdischer Familien, die 1990 in München damit begannen für ihre Kinder Religionsunterricht und jüdische Gottesdienste nach liberaler Ausrichtung zu organisieren. Sie gehört der „World Union for Progressive Judaism“ an, die weltweit größte jüdische religiöse Organisation und ist außerdem Mitglied der 1997 gegründeten „Union progressiver Juden in Deutschland“. Als Gemeinderabbiner amtiert seit 2006 Rabbiner Dr. Tom Kučera, wobei er einer der ersten drei Rabbiner ist, die nach der Shoah in Deutschland ordiniert wurden. Die liberale jüdische Gemeinde von Beth Shalom zählt inzwischen gut 300 Mitglieder, Tendenz steigend. Die Gebets- und Gemeinderäume von Beth Shalom im Keller reichen für diese Zwecke nicht mehr aus, sie sind schlichtweg zu klein.

Finanzierung
In Deutschland sind seit der Nachkriegszeit 129 Synagogen gebaut worden, wobei in allen Fällen finanzielle Unterstützung seitens des Staates und der Stadt bzw. Gemeinde gewährt wurde. Im Regelfall setzt sich die Formel der Anteile aus ein Drittel Land, ein Drittel Stadt/Region und ein Drittel Spenden bzw. Eigenmittel der Gemeinde zusammen.

Auch das neue jüdische Zentrum am Jakobsplatz hat seitens der LH München finanzielle Hilfen erfahren. Und der damit in Zusammenhang stehende Verweis darauf, dass es in München bereits eine Synagoge gäbe, kann so nicht gelten: Denn die Synagoge am Jakobsplatz ist eine orthodoxe und Protestanten würden schließlich auch nicht auf ein eigenes Gebetshaus verzichten, nur weil es vor Ort bereits eine katholische Kirche gibt.

Der Bau für die liberale jüdische Synagoge würde ca. 11-13 Mio. Euro kosten, wovon Beth Shalom ein gutes Drittel durch Spenden finanzieren möchte und auf eine Beteiligung seitens des Freistaates Bayern vertraut. Neben der Synagoge ist zudem die Errichtung eines Gemeindezentrums samt Kinderkrippe, einer Kindertagesstätte sowie Angebote für die Jugend und SeniorInnen vorgesehen. Diese Einrichtungen sollen auch nicht-jüdischen MünchnerInnen offen stehen und somit das lokale Betreuungsangebot verbessern.

Aufgrund dieses Dreiklangs – Stärkung jüdischer Vielfalt in München, Verbesserung des Versorgungsgrades und Fürsorgepflicht gegenüber Religionsgemeinschaften – sollte die LH München die Ermittlung des Grundstückswerts der Fläche Am Gries an der nicht-kommerziellen Nutzung des Grundstücks ausrichten und wohlwollend prüfen. Die Veräußerung des Grundstücks zu marktüblichen Konditionen wäre für die Gemeinde Beth Shalom einfach nicht finanzierbar und entspräche durch die gleichzeitige Einrichtung eines Gemeindezentrums mit Betreuungsangebot auch nicht der gängigen Praxis.

Daniel Libeskind
Eine weitere Besonderheit ist schließlich, dass sich der New Yorker Stararchitekt Daniel Libeskind (u.a. Freedom Towers NYC, Jüdisches Museum Berlin) öffentlich dazu bereit erklärt hat die Synagoge für Beth Shalom bauen zu wollen. Am 15. Oktober 2009 besuchte er Beth Shalom in München und bekräftigte dabei seine Zusage. Nicht nur für die Gemeinde wäre ein Bau von Daniel Libeskind ein Gewinn, sondern auch München könnte mit einem solchen architektonischen Juwel einen weiteren Anziehungspunkt bekommen.

Zur Gestaltung meint Daniel Libeskind: „Ich könnte mir denken, dass der Neubau einen ganz anderen Charakter bekommt als die formale Strenge und Autorität, die die Synagoge am Jakobsplatz ausstrahlt. Jüdisch sein ist mit viel Fröhlichkeit verbunden. Es könnte ein Ort sein, den auch Kinder toll finden. Wir leben in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft und das sollten Gebäude auch widerspiegeln. Schließlich gibt nicht nur eine Art zu denken. Es wäre sehr gesund, wenn die Stadt mehr als nur eine einzige Vorstellung davon bekäme, was Jüdisch sein bedeutet.“ (Quelle: Interview von Vera von Wolffersdorff mit Daniel Libeskind, Jüdische Allgemeine vom 22.10.2009)


AntragstellerInnen:
Myriam Schippers, Angela Wilson, Stadtvorstand der Münchner Grünen, Dieter Janecek, Fabian Hamák, Sylvio Bohr, Dr. Florian Roth, Bille Stöhr, Hubert Kragler, Philipp Ziegler, Roland Petrik, Harald Schmitt, Gesa Tiedemann, Micha Bärmann, Jerzy Montag

28-02-2010

[viele weitere Möglichkeiten zu spenden]

Baum des Lebens / Tree of Life

Gedenken an die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge

Remembering the Destruction of the Central Synagogue Munich


Die "kleine Torah" kehrt nach Deutschland zurück

Rabbiner Ordination

Jüdische Weisheit

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Tel. +49(0)89-7670-2711,
Fax +49(0)89-76702758


Mitglied der Union Progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Mitglied der World Union for Progressive Judaism, assoziiert den Reform Synagogues of Great Britain

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eMail beth.shalom@liberale-juden.de Internet http://www.beth-shalom.de