Pressespiegel

Lehel: Beth Shalom favorisiert weiter das Grundstück Am Gries

Zur Reichenbachstraße führt kein Weg

Die liberale jüdische Gemeinde betont ihre Eigenständigkeit und baut auf Sponsoren aus aller Welt

Von Renate Winkler-Schlang

Für die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom führt kein Weg in die ehemalige Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) an der Reichenbachstraße. Das stellen Thomas Dahmen und Terry Swartzberg aus dem Vorstand von Beth Shalom fest: „Es gab und gibt seitens der IKG kein Angebot für das Gebäude an der Reichenbachstraße, weder in Schriftform noch im Rahmen eines offiziellen Treffens auf Vorstandsebene", erklären Dahmen und Swartzberg. Es habe lediglich Andeutungen gegeben, dass Beth Shalom das Gebäude mieten oder kaufen könnte.

Bei einem informellen Treffen im Jahr 2005 sei die Rede gewesen von einem Kaufpreis in zweistelliger Millionenhöhe. Es seien aber das Rückgebäude und die Synagoge selbst sanierungsbedürftig, wobei sämtliche Auflagen der Bayerischen Bauordnung greifen würden wie Brandschutz oder behindertengerechte Ausstattung. Das würde laut einem Gutachten Millionen kosten. „Diese Summe wäre von Beth Shalom zu tragen, obwohl wir nur als Mieter fungieren würden."

Das Vordergebäude habe die IKG bereits langfristig vermietet, sodass für das aktive und umfangreiche Gemeindeleben vonBeth Shalom nur 150 Quadratmeter blieben. Diese vier kleinen Räume seien nicht an den Gebetsraum angeschlossen, zudem „dunkel und beklemmend", so die beiden Vorstände. Auf Anfrage ergänzt Dahmen, die 1931 eingeweihte Synagoge stehe unter Denkmalschutz und könne daher nicht wunschgemäß verändert werden.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der IKG, erklärt dazu, es seien nicht die derzeitigen Vertreter von Beth Shalom ihre Gesprächspartner gewesen, aber es sei schon vor einigen Jahren und bis zum heutigen Datum die Synagoge an der Reichenbachstraße „nicht nur ins Gespräch gebracht, sondern auch kostenlos angeboten" worden. Das Vordergebäude habe sie selbst den damaligen Vorständen verkaufen wollen, was diese wegen einer zu großen finanziellen Belastung abgelehnt hätten. Weitere Gespräche seien schon seit längerem angeboten worden.

Bisher nutzt Beth Shalom 200 Quadratmeter an der Isartalstraße, die Synagoge befindet sich im Keller. Für die Zukunft setzt Dahmen seine Hoffnung auf das Grundstück Am Gries, das Beth Shalom kürzlich mit seinem Architekten Daniel Libeskind besichtigt hatte. Man freue sich auf die vom Bezirksausschuss-Vorsitzenden Wolfgang Püschel (SPD) angekündigte Einwohnerversammlung. Püschel habe ja bereits klar gemacht, dass die Fläche nicht leerbleiben werde. Sicher könne man die Anlieger überzeugen, dass soziale Einrichtungen besser seien als Luxuswohnungen in fünfstöckigen Gebäuden. Der Bebauungsplan sehe Wohnen vor - und Beth Shalom werde auch Altenwohnungen bauen. Bereits jetzt seien aber soziale Einrichtungen zugelassen. Also müsse der Bebauungsplan gar nicht zeitraubend geändert werden: Darüber habe Beth Shalom ein Anwaltsgutachten, berichtet Dahmen.

In Sachen „eine Synagoge für Beth Shalom" sei auch keineswegs die IKG der alleinige Ansprechpartner der Stadt: Das Verfassungsgericht habe am 12. Mai 2009 die bestehende Regelung zur staatlichen finanziellen Förderung an jeweils einen Hauptadressaten, in dem Fall die IKG, für verfassungswidrig erklärt. Künftig werde der Freistaat also Beth Shalom als eigenständiger Gemeinde den Förderanteil von bis zu 80 000 Euro im Jahr direkt auszahlen, so Dahmen. Außerdem könne man für das Projekt mit Sponsoren aus aller Welt rechnen.

Mittwoch, 28. Oktober 2009
Süddeutsche Zeitung Nr. 248 / Seite S1 / MÜNCHEN

 
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