Aktuelles - Artikel vom
12.11.2009München:
Liberale Münchner Juden hoffen auf eigene Synagoge
Wo ein Wille ist…
Von Julia Stark
Nach dem Bau der Synagoge am Jakobsplatz könnte es in
München schon bald ein zweites jüdischen Gotteshaus geben. Die liberale jüdische
Gemeinde „Beth Shalom“ plant, im Lehel ein eigenes religiöses Zentrum zu
errichten – mit prominenter Unterstützung. Der New Yorker Stararchitekt Daniel
Libeskind hat sich bereit erklärt, das Gebäude für die 300 Mitglieder zählende
Gemeinde zu entwerfen. Die Stadtratsfraktion der SPD indes zweifelt an der
Finanzierbarkeit des Projekts.
Vor rund drei Jahren ist die Synagoge am Jakobsplatz fertig
gestellt worden. Nun steht zur Debatte, auf der brach liegenden Wiese an der
Kreuzung zwischen der Reitmorstraße und Am Gries ein neues jüdisches Zentrum zu
schaffen. Der Grund: Beth Shalom kann in dem Bau gegenüber dem Stadtmuseum keine
Gottesdienste abhalten. „Die Rabbiner des Landes haben beschlossen, dass in den
Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) keine liberale Religion
stattfinden darf“, erklärt Jan Mühlstein, Vorsitzender der progressiven Juden in
Deutschland.
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Derzeit praktizieren die Mitglieder von Beth Shalom ihren
Glauben daher in einem Keller in der Isartalstraße. Doch das soll nun anders
werden. Der weltberühmte Architekt Daniel Libeskind, der unter anderem das
jüdische Museum in Berlin konzipiert hat, will der Gemeinde ein eigenes
Gotteshaus bauen. Im Oktober hat er das Grundstück im Lehel persönlich
besichtigt und zeigte sich spontan begeistert. „Mir gefällt der Platz“, sagte
er, und äußerte bei seinem Besuch auch schon erste Ideen, wie die neue Synagoge
aussehen könnte: „Sie soll nicht die formale Strenge des Gebäudes am Jakobsplatz
haben.“ Vielmehr wolle er einen Ort schaffen, „an dem ein Kind sich wohlfühlen
würde.“
Ursprünglich war auch diskutiert worden, die alte Synagoge in
der Reichenbachstraße zu nutzen, die seit dem Umzug der orthodoxen Gemeinde leer
steht. Diese haben Vertreter von Beth Shalom ebenfalls im Oktober besichtigt.
„Die Israelitische Kultusgemeinde begrüßt die Entscheidung der liberalen
jüdischen Gemeinschaft, darüber nachzudenken, die ehemalige Hauptsynagoge an der
Reichenbachstraße als neues Domizil zu beziehen“, heißt es sehr nüchtern in
einer Pressemeldung der IKG. Zudem betont die IKG-Präsidentin Charlotte
Knobloch, dass der liberalen Gemeinde das Haus unentgeltlich zur Verfügung
stehe: „Schon vor einigen Jahren bis zum heutigen Datum wurde die frühere
Hauptsynagoge kostenlos angeboten.“
Allerdings müsste Beth Shalom das Gebäude renovieren lassen.
„Das würde etwa vier Millionen Euro kosten“, sagt Terry Swartzberg, Sprecher der
liberalen Gemeinde. Zudem habe die IKG lediglich angedeutet, nur das Rückgebäude
kostenfrei zu überlassen: „So viel Geld für ein marodes Haus auszugeben, das für
uns viel zu klein ist, lohnt sich nicht.“
Eine neue Synagoge von Daniel Libeskind bauen zu lassen, würde
jedoch rund elf Millionen Euro kosten. Etwa 35 Prozent der Summe will die
Gemeinde durch Spenden aufbringen, 40 Prozent des Betrags soll in Form von
Zuschüssen für die integrierten sozialen Einrichtungen beantragt werden und 25
Prozent soll der Freistaat übernehmen. Anders als die insgesamt in München 9.500
Mitglieder zählende IKG, die sich als Vertretung aller Juden versteht, erhält
Beth Shalom derzeit jedoch noch keine eigenen Fördermittel vom Land. Swartzberg
geht allerdings davon aus, dass sich dies demnächst ändern wird und verweist auf
ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG), nach dem alle jüdischen
Religionsgemeinschaften Anspruch auf öffentliche Gelder haben. „Bislang wurden
die liberalen Gemeinden einfach vergessen, das ist ein Skandal“, kritisiert er.
Jedoch sei er optimistisch, dass der Freistaat den Antrag von Beth Shalom auf
Fördermittel ohne Auseinandersetzungen bewilligen werde. Auch aus dem Stadtrat
habe er bereits positive Signale für das Synagogenprojekt bekommen. Lediglich
die SPD sei noch unschlüssig.
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Alexander Reissl steht dem
Vorhaben bislang eher skeptisch gegenüber. Zwar räumt er ein: „Wenn die Gemeinde
es schafft, das Projekt mit ihren 300 Mitgliedern finanziell zu stemmen, ist
nichts dagegen einzuwenden.“ Eine Zusage könne der Stadtrat aber nur erteilen,
wenn Beth Shalom eine solide Finanzierung nachweise. Nicht möglich sei es, das
Grundstück unter dem regulären Marktwert abzugeben: „Das würde gegen die
geltenden Vorschriften verstoßen.“ Im Lehel sei bei einem Baugrund dieser Größe
von einem Preis in Millionenhöhe auszugehen. „Auf einer unverbindlichen Basis
würde ich das Projekt befürworten, aber ob es in der Praxis machbar ist, muss
sich erst noch zeigen“, so Reissl. |