Aus der Liberalen Jüdischen
Gemeinde Beth-Shalom:
Rückkehr über Dachau
nach MünchenMit der Europatagung der World Union for Progressive
Judaism, die vom 30. Oktober bis 2. November in München stattgefunden hat, kehrte das
progressive Judentum nach Deutschland zurück.
Rund 150 Vertreter liberaler oder
reformorientierter jüdischer Gemeinden aus Europa - aus Großbritannien, Frankreich,
Spanien, Belgien, der Niederlanden, Schweden, Polen, der Tschechischen Republik, der
Ukraine, der Schweiz, Österreich und Deutschland - sowie aus Israel diskutierten
gemeinsam die Zukunft des "neuen jüdischen Europas", dessen Aufbruch die
Historikerin Dr. Diana Pinto, Beraterin der Politischen Direktion des Europarates,
konstatierte. Sie tauschten Erfahrungen in der religiösen Erziehungsarbeit, Gemeindeorganisation und in
Fragen der religionsgesetzlichen Entscheidungen, beteten und feierten zusammen.
Mit der Tagung nimmt aber auch das deutsche Judentum seinen
angestammten Platz in der Weltgemeinschaft des progressiven Judentums wieder ein:
Lauren Rid, Vorsitzende der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom, Dr.
Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sowie Rabbiner Dr. Walter
Homolka, designierter Landesrabbiner von Niedersachsen und Vizepräsident der Union
Progressiver Juden in Deutschland, Östereich und der Schweiz, wurden in das
Führungsgremium der World Union berufen.
Lauren Rid unterstrich die Verdienste derer, die nach dem Krieg die
jüdischen Gemeinden in Deutschland wiederaufgebaut haben. "In der jüdischen
Gemeinschaft muß aber Platz für alle Richtungen des Judentums sein", erklärte sie.
"Wenn diese Pluralität nicht im Rahmen der bestehenden Institutionen möglich ist,
so müssen wir als progressive Juden selber aktiv werden." Deshalb haben wir vor
dreieinhalb Jahren Beth Shalom als eigenständige Gemeinde gegründet.
Andreas Nachama bekannte sich zum Model der
Einheitsgemeinde, die "im Geiste des progressiven Judentums" steht. Auch im
Namen von Ignatz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, erklärte Nachama:
"Von einer Einheitsgemeinde können wir nur sprechen, wenn unter dem gemeinsamen Dach
unterschiedliche Strömungen leben können. Die Einheitsgemeinde ist kein Eintopf, sondern
das Kochen unterschiedlicher Gerichte für verschiedene Geschmäcker."
Als ein historisches Ereignis bezeichnete
Dr. Avi Primor, Botschafter des Staates Israel,
daß die World Union erstmals nach 1928 wieder in Deutschland tagt. Lange sei es für eine
überwiegende Mehrzahl der Israelis unverständlich gewesen, daß nach der Schoa Juden in
Deutschland leben können. Heute sei das "europäische Deutschland" nach den USA
der wichtigste Partner Israels; ein jüdisches Leben auch in diesem Lande werde von einer
deutlichen Mehrheit der Israelis akzeptiert. Primor bekannte sich außerdem eindeutig zur
religiösen Pluralität im Judentum, womit er deutlich Position im Streit um den Entwurf
eines neuen Konversionsgesetzes in Israel bezogen hat.
"Manchen von uns ist es nicht leicht
gefallen, nach Deutschland zu kommen", betonte Ruth Cohen, Vorsitzende der
Europasektion der World Union, "wir sind aber hier, um unsere Unterstützung für den
Neubeginn des liberalen Judentums in Deutschland sichtbar zu machen."
Rabbiner Professor Jonathan Magonet, Rektor des Leo Baeck College in
London, erinnerte daran, daß Begegnungen von Juden mit nichtjüdischen Deutschen bereits
eine lange Tradition haben: Seit über 30 Jahren finden in Bendorf christlich-jüdische
und seit demnächst 25 Jahren christlich-islamisch-jüdische Seminare statt, eine
Pflichtveranstaltung für europäische progressive Rabbinerstudenten.
Rabbiner Francois Garai aus Genf unterstrich, daß der schwere Weg
nach München über Dachau geführt hatte, wo die Konferenz mit einer Gedenkfeier in der
KZ-Gedenkstätte begonnen wurde. Auf die Geschichte Noah anspielend, die an diesem
Wochenende im Gottesdienst gelesen wurde, sprach er von der Flut von Gas und Terror, mit
der Deutschland Europa überflutet habe. Der Flut muß aber ein Wiederaufbau folgen, zu
dem die Europatagung beitragen will.
Rabbiner Dr. Charles Middleburgh aus London sprach in seiner Predigt
während des Schabbatgottesdienstes vom Regenbogen, der Gott Noah nach der Rettung vor der
Flut als Zeichen des Bundes geschenkt hatte. So bunt wie der Regenbogen ist auch das
progressive Judentum, dem nun die Farbe Deutschland wieder hinzugeführt wurde.
Hoffnungsvoll stellte Rabbiner Walter Homolka fest, daß junge Juden
in Deutschland zunehmend ihr Selbstverständnis wieder religiös begründen, was auch zur
Integration der Zuwanderer aus der früheren UdSSR beitragen wird: "Wer seine
Religiosität in der heutigen Welt leben will, folgt meist dem Weg des progressiven
Judentums."
Es war eine große Herausforderung für Beth Shalom, Gastgeber
dieser bedeutenden Tagung zu sein. Daß diese Aufgabe glänzend gemeistert wurde, dafür
gebührt Stacey und ihrem Helferteam hohe Anerkennung, die auch von unseren Gästen
ausgesprochen wurde. Viele zeigten sich erstaunt, was wir als junge Gemeinde bereits
erreicht haben.
Allen Teilnehmern hat die Tagung viele inspirierende Begegnungen und
Erfahrungen gebracht. Unvergessen bleibt auch, wie uns Rabbiner Tovia Ben-Chorin am
Freitag Abend in der Hochschule für Musik, dem früheren "Braunen Haus", zum
Singen und zum Tanzen gebracht hat.
Aus dem Rundbrief
Dezember 1997 - Kislev 5758 |