Februar 1998 - Schwat 5758:
Beth Shalom Rundbrief
Einheit und Vielfalt
Die erste Delegiertenversammlung der Union progressiver Juden in
Deutschland, Österreich und der Schweiz, die im Internationalen Haus Sonnenberg im
Harz am 12. bis 14. Dezember stattgefunden hat, zeigte, wie erfreulich sich die jüdischen
liberalen Gruppen und Gemeinden entwickeln. Wir verfügen auch zunehmend über
qualifizierte Literatur für unsere Religionsausübung in einer zeitgemäßen deutschen
Übersetzung: Nach dem Jüdischen Gebetbuch, das wir bei den Hohen Feiertagen
eingeführt haben, steht die Veröffentlichung einer Pessach-Haggada bevor (siehe
Seite 2), die deutsche Übersetzung des bekannten Torah-Kommentars von Rabbiner W.
Gunter Plaut aus Toronto wird im Herbst erscheinen. Außerdem ist eine Broschüre der
Union in Vorbereitung, die unseren religiösen Standpunkt erläutert. Mit der
Heidelberger Derech Chadascha, die kürzlich beigetreten ist, zählt die Union nun elf
Gemeinden oder Gruppen, die in Deutschland als Ausdruck der lebendigen Vielfalt des
Judentums die progressive religiöse Tradition aktiv pflegen.
Doch gerade dies scheint einigen etablierten Vertretern der
"traditionellen" Einheitsgemeinden ein Dorn im Auge zu sein, weil damit ihre
jahrelang verteidigte These ins Wanken kommt, nichtorthodoxe Juden könne man zwar in den
"weltlichen" Einrichtungen der Gemeinden mitwirken lassen, für einen
nichtorthodoxen Gottesdienst gäbe es aber keinen Bedarf und keine Akzeptanz. Nur so sind
verbale Entgleisungen zu erklären, wie der in der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung am
24.12.1997 erschienene Artikel "Wieder die Spaltung" von Daniel Krochmalnik, dem
Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Heidelberg und Dozenten an der Hochschule für
Jüdische Studien in Heidelberg.
Vielfalt führt aber nicht zur Spaltung. Ein Beispiel dafür ist die
Jüdische Gemeinde zu Berlin, die unterschiedliche religiöse Traditionen unter einem Dach
integriert. Auch in München gibt es Versuche, die Einheit in Vielfalt zu gestalten. So
liegt dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde seit Mai 1997 ein Antrag vor, im
Rahmen der Einheitsgemeinde die Religionsausübung nach der liberalen jüdischen Tradition
durch Bereitstellung von Räumen und durch finanzielle Unterstützung zu ermöglichen.
Die Einheit setzt aber voraus, daß die religiöse Eigenständigkeit
jeder Richtung akzeptiert wird. Das schließt getrennte Institutionen ein, wenn
religionsgesetzliche Unterschiede eine gemeinsame Nutzung verhindern. Daher richtet sich
auch die Gründung des Neuen Jüdischen Friedhofs im Waldfriedhof (siehe Seite 2) nicht
gegen die Einheit, sondern ist für alle diejenigen notwendig, die oder deren Angehörige
durch Entscheidung des orthodoxen Rabbinats vom Friedhof der Einheitsgemeinde
ausgeschlossen sind.
Besonders bedauerlich ist, daß der Meinungsstreit in persönliche
Anfeindungen ausartet, deren Zielscheibe Rabbiner Dr. Walter Homolka wurde. Dabei werden
seine jüdische Haltung und die Gültigkeit seiner Ordination in Frage gestellt. Es ist
kaum mit der jüdischen Ethik vereinbar, die religiöse Entwicklung eines Menschen
öffentlich diskutieren zu wollen. Daher soll die Stellungnahme von Rabbiner Dr. Walter
Jacob, langjähriger Vorsitzender der Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner, Leiter des
Instituts für Progressive Halacha und ehrenamtlicher Oberrabiner unserer Gemeinde,
reichen. Er schrieb uns: "Sie wissen, daß Rabbiner Dr. Mosche Zemer, Rabbiner Dr.
Allan Podet und ich auf Wunsch und Empfehlung des Leo Baeck College in London die Semichah
(Rabbinerordinationsurkunde) an Rabbiner Dr. Walter Homolka überreicht haben. Nichts von
dem, was wir seitdem erfahren haben, hat unsere Haltung geändert." Die Delegierten
der Unions-Gemeinden haben daraufhin Rabbiner Homolka ihr Vertrauen ausgesprochen. Leider
hat Professor Micha Brumlik diese Entscheidung zum Anlaß genommen, vom Vorsitz der Union
zurückzutreten. Seine Aufgabe hat bis zur Neuwahl Michael Lawton aus Köln übernommen. |