Rundbrief / Newsletter
März-April 1999 / Adar-Ijar 5759

Befreiung aus der Sklaverei und Unterdrückung verpflichtet auch uns

In jeder Generation soll jeder Mensch sich so betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen: Unter diesem Motto, aus der Haggada entnommen, werden wir auch dieses Jahr Pesach feiern. Wir werden uns fragen, worin sich dieser Abend von allen anderen unterscheidet.

Und damit jeder von uns auch wirklich vorbereitet ist, Fragen zu stellen, und die Kinder begeistern kann, werden wir uns vor unserem eigenen Gemeindeseder, den wir am 1. April feiern, erstmals grundsätzlich vorbereiten. Wie ist die Haggada aufgebaut, was ist absolut notwendig und was ist Ergänzung? Oder anders gesagt: Wie hat sich der kurze Mischnatext zu einem inhaltsreichen Büchlein entwickelt? Und was haben wir als liberale Juden aus unserer eigenen Erfahrung hinzufügen? Natürlich werden wir die Pesachmelodien lernen, selbstverständlich werden wir überlegen, wie wir die Kinder einbeziehen, und bedenken – was auch nicht unwichtig ist – was wir (nicht) essen werden. Diese Vorbereitung findet statt am Schabbat, dem 20. März, im Anschluß an den Kiddusch nach dem Familiengottesdienst. Wir haben unterschiedliche Arbeitsgruppen vorbereitet, so daß ich sicher bin, daß alt und jung viel Spaß haben werden!

Vorher, im Anschluß an den Familiengottesdienst am Schabbatmorgen am 6. März, zeigen die Kinder, wie sie sich Esther, Mordechai, Vashti und vielleicht auch den bösen Haman vorstellen. Purim, das am 2. März stattfindet, liegt dann schon hinter uns. Aber ein Anlaß, die Freude über unsere von Ester und Mordechai so klug vorbereitetete Rettung vom Hamans bösen Plan nochmals zu betonen, ist leicht zu finden: Wer – wie die Tradition es gebietet – an Purim so viel getrunken hat, daß er den Unterschied zwischen Haman und Mordechai nicht mehr erkannte, kann die Geschichte nochmals von mir erzählt bekommen. Ja klar, Judentum macht Spaß – auch der Rabbiner ist sicher am Purim nicht immer so seriös!

Schön für mich war zu sehen, wie viele Mitglieder sich bei den Donnerstag-Schiurim "Mimekor Israel" ("Aus jüdischen Quellen") und an den Schabbat-Nachmittagen zur Paraschat ha-Schawua, dem Wochenabschnitt der Thora, beim Lernen engagiert und mit Begeisterung an den Diskussionen beteiligt haben. Diejenigen, die noch nicht teilgenommen haben, sind herzlich eingeladen: Jede Lernstunde ist eine eigenständige Einheit. Nachdem wir Bekanntschaft mit Texten aus Mischna und Talmud gemacht haben, werden wir uns am 4. März mit der traditionellen Weise der Thoralesung, mit den "Trop", beschäftigen. Wie immer, verspreche ich auch denjenigen, die kein Hebräisch können, neue Einsichten in unsere Tradition.

Und zum Schluß kann ich feststellen, daß unsere Gemeinde so viele gute Köchinnen und Köche hat, daß man sich am Freitagabend beim Kiddusch beeilen muß, um noch etwas zu bekommen. Das verspricht viel für Pesach, wo es am Anfang heißt: "Laßt alle Hungernden kommen und essen." Laßt uns dabei nicht vergessen, daß es tatsächlich noch viel Hunger in der Welt gibt. Wir waren einmal von Haman in Persien bedroht und vom Pharao in Ägypten unterdrückt, weshalb es jetzt unsere Aufgabe ist, an der Abschaffung der Unterdrückung und der Linderung des Hungers zu arbeiten. Ich bin daher sicher, daß mein Aufruf, die Kampagne "Erlaßjahr 2000" (siehe unten) mit einer Unterschrift zu unterstützen, nicht auf taube Ohren stoßen wird.

Rabbiner Drs. Edward van Voolen

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