Rundbrief / Newsletter
Mai-Juni 1999 / Ijar-Tamus 5759
Keine Freiheit ohne Gesetze
Das jüdische Volk ist ohne Tora wie ein Leib ohne Neschama
(Seele). Deswegen, so sagt die Tradition, ist der eigentliche Höhepunkt des Auszugs aus
Ägypten die Gesetzesgebung am Berg Sinai.
Einige Lehrer sagen, wir hätten überhaupt keine Wahl, wir
wären sozusagen gezwungen, die Tora anzunehmen. Andere jedoch lehren, daß wir die Tora
aus eigenem freien Willen angenommen haben. Beide Aussagen stehen nebeneinander und
entsprechen beide unserer Erfahrung: Manchmal haben wir keine Wahl; wir sind Juden, ob wir
es wollen oder nicht. Unsere eigene Lebensgeschichte, unsere Vergangenheit und unsere
Erfahrungen haben uns geprägt.
Die aktive Zuwendung zum Judentum ist aber die persönliche Wahl
jeder Jüdin und jedes Juden. Sie oder er bestimmt jedesmal die Zukunft, wenn sie oder er
Schabbat feiert oder eine Mitzwa ernst nimmt. Es ist jedesmal eine Willenserklärung, die
Stimme von Sinai zu hören, jeweils in der eigenen persönlichen Sprache. Ich bekenne mich
gerne zu dieser Stimme und lade deswegen ein, an unserem Lernabend am 20. Mai
teilzunehmen, der nicht zufällig das Buch Ruth thematisiert.
Die Ruthrolle wird an Schawuot verlesen, weil diese
nicht-jüdische Frau sich aus eigenem freien Willen zum Judentum bekannt hat und sogar als
die Urgroßmutter König Davids erwähnt wird. Sie konvertierte, und so müssen auch wir
uns sozusagen zum Judentum "konvertieren".
So wie Ruth damals aufgenommen wurde und unser Volk bereichert
hat, so sollten wir uns auch heute mit dem Thema Konversionen auseinandersetzen. Welche
Bedingungen stellt das Judentum? Wir feiern in Ruth Tora und Tradition, wie stehen wir
aber zum Proselyten? Bewundern wir sie wegen ihrem freiwilligen Beitritt und wegen ihres
jahrelangen Studiums, oder ...? Ein Thema, das uns alle beschäftigen sollte und das ich
gerne mit den "Jews of choice", den geborenen Juden und allen Interessierten
besprechen möchte.
Rabbiner Drs. Edward van Voolen
Pesach-Geschichte ist aktuell
Der Krieg im Kosovo machte uns in diesem Jahr deutlich, wie
aktuell die Seder-Erzählung ist. Sowohl an dem sehr gut besuchten 2. Sederabend, den Beth
Shalom gemeinsam gefeiert hat, als auch bei den folgenden Schabbat-Gottesdiensten machte
dies Rabbiner Edward van Vooolen deutlich. So hieß es dann auch in der Pressemeldung, die
Beth Shalom an die Münchner Zeitungen verschickt hat (und die zumindest die Süddeutsche
Zeitung veröffentlicht hat):
"Zur umfassenden Hilfe für Kosovo-Flüchtlinge hat Edward
van Voolen, Rabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom, aufgerufen.
Im Schabbat-Gottesdienst während des Pessach-Festes erklärte er: "Wenn wir am
Seder-Abend an die Befreiung aus der Sklaverei erinnern, gedenken wir nicht nur eines
Ereignisses im fernen Ägypten vor 3.500 Jahren, sondern feiern unsere eigene Freiheit.
Diese Freiheit ist aber nicht vollständig, solange Menschen unter der Tyrannei moderner
Pharaonen leiden, solange Zehntausende und Hunderttausende in Kosovo drangsaliert,
bedrängt und in die Flucht getrieben werden." Rabbiner van Voolen forderte deshalb
jeden Einzelnen auf, aktiv zu werden, zum Beispiel durch Spenden für eine der
Kosovo-Flüchtlingshilfsorganisationen.
Rabbiner van Voolen und der Vorstand danken allen, die zum
Gelingen unseres Seder-Abends beigetragen haben, vor allem Gigi und Tina, die für die
gute Organisation sorgten. Der Erfolg wäre ohne sie und ohne die vielen Helfer, die
Stühle und Tische geschleppt oder bis Mitternacht das Geschirr abgewaschen haben, nicht
möglich gewesen.
Rabbiner Drs. Edward van Voolen
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