Wie oft finden sich auf Einladung, die man aus irgendeinem Anlass bekommt,
die wichtigen Worte "Für leibliches Wohl wird gesorgt". Und wie selten die noch
wichtigeren Worte "Für seelisches Wohl wird auch gesorgt"?
Wir leben in einer Welt, in der Körper sehr wichtig sind - und Seelen
scheinen manchmal weniger Bedeutung zu haben. Geld und physische "Dinge", die
man messen und zählen kann, sind in unserm Beruf, in unserer Gesellschaft, die
einzigen wertvollen Posten der Bilanz. Wir wissen aber, dass es andere Werte
gibt, die nicht physisch, nicht so einfach zu messen oder zu zählen sind, wie
Zeit, Liebe, Geduld und Ruhe, die auch wichtig sein sollten.
Es ist aber nicht einfach, Qualität in unser Leben zu bringen, statt rein
Quantität. Deswegen braucht man eine besondere Zeit, daran zu denken: an die
inneren und nicht äußeren Probleme, an die eigenen Wünsche und Fehler,
Hoffnungen und Ängste.
Die Hohe Feiertagen sind in unserem Kalender dafür reserviert. Es ist nicht
so schwierig, wie so viele Leute denken! An Rosch HaSchana steht der "neue
Beginn" im Mittelpunkt. Wir wissen, dass jedes Jahr etwas neues bringt, sogar
jeder Tag, aber auch jeder Teil des Lebens. Um neu beginnen zu können, müssen
wir aber überlegen: Wo sind wir, warum sind wir hier, was sollen wir tun?
Wichtige Fragen, in einer Liturgie zusammengefasst.
Zehn Tage später also nach einer Zeitspanne, in der wir uns mit diesen
Fragen beschäftigen konnten - kommt mit Jom Kippur ein Selbstreinigungsprozess:
Ein Tag, an dem wir nichts anderes zu tun haben, als einen kurzen Urlaub von
unserem 'normalen' Leben zu nehmen, um an Fragen von Leben und Tod - von innerem
Leben und innerem Tod zu denken. Ein Tag des Fastens und Betens hilft nicht,
um körperliches Übergewicht zu verlieren, aber seelische Überlast kann es sicher
mindern.
Viel mehr kann man, soll man nicht erwarten. Aber: ist das nicht schon Wunder
genug?
Ich wünsche allen ein GUTES Jahr - "Schana Towa". Und was "gut" heißt, das
muss jeder für sich selbst definieren.
Rabbiner Walter Rothschild