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Januar – Februar 2002
Teweth – Schwat – Adar  5762

Purim:
Keine märchenhafte
Geschichte

Eine der bizarrsten, fantastischsten und unglaublichsten Theorien, die es über den Zweiten Weltkrieg gibt und die gerade jetzt - zumindest in meinem Kopf  - zirkuliert, sagt, dass Eva Braun eine geheime Halbjüdin war. Als sie erfahren hatte, was in der Wannsee Konferenz  1942 entschieden worden war, ist es ihr gelungen, Adolf Hitler zu überzeugen, seine Pläne für die Juden und die Endlösung der Judenfrage total zu ändern.

Nach einigen dramatischen Spitzentreffen in Berchtesgaden änderte Hitler seine Meinung um 180 Grad; er befahl die Hinrichtung Himmlers in Plötzensee, zusammen mit zwölf seiner SS-Generale, und beauftragte die Reichsvertretung der Juden, die NSDAP Filialen in verschiedenen Städten und Ländern zu schließen, wenn nötig mit Gewalt. Viele prominente Nazis wurden verhaftet, in die KZs Dachau, Buchenwald und Oranienburg (Sachsenhausen)  gebracht - und kamen nie wieder heraus. Der Holocaust fand nicht statt, die Juden waren gerettet, und Mordechai ben Jehuda wurde zum neuen Stellvertreter des Reichstagspräsidenten ernannt.
Hitler war ihm besonders dankbar, da sich durch ein altes und verborgenes Gestapoarchiv herausstellte, dass Mordechai früher den Autoritäten einen Putschversuch von Ernst Roehm und Martin Bormann gemeldet hatte und dadurch Hitlers Leben gerettet hat, was bisher geheim gehalten wurde, weil er Jude war. Jetzt aber wurde die ganze bürokratische Maschinerie des Reiches eingeschaltet, um den Juden von diesem Zeitpunkt an ein Leben als ehrenhafte und geschützte Bürger mit vielen Privilegien zu sichern.

Natürlich hat die Geschichte nicht so stattgefunden - es ist sogar gesetzwidrig, hier zu behaupten, dass es den Holocaust nie gegeben hätte! Trotzdem braucht man nur die “Megillat Esther“ zu lesen, um eine Geschichte zu finden, die so viele Parallelen zeigt, dass es einem den Atem raubt: Intrigen von hohem Niveau in einem totalitären und tyrannischen, zentralisierten Staatssystem; eine Menge Beamte, die bereit sind, als gehorsame Schreibtischtäter die Dokumente und Befehle vorzubereiten, zu vervielfachen und zu verschicken; ein Tyrann, der bereit ist, einen Großteil der unschuldigen Bevölkerung seines Reiches zu massakrieren wegen - weswegen eigentlich? - nur weil einer seiner Berater sie nicht mag, weil er keine Geduld oder keinen Verstand hat.

Und dann in allerletzter Minute die Rettung - die Täter werden als brutale Kriminelle enttarnt und eliminiert, während die Juden gerettet werden. Und die ganze Staatsmaschinerie - Bürokraten, Meldedienst, Post und Verkehrswesen – alle, die bisher den Befehl verbreiten sollten, die Juden zu isolieren, zu schwächen und zu vernichten, bekommen jetzt den Gegenbefehl, die Juden mit Waffen auszustatten und ihnen zu ermöglichen, sich gegen ihre Feinde zu wehren.

Und all das ist scheinbar Zufall oder nur gutes ‘Timing’ - Gott ist abwesend, Gott mischt sich nicht direkt ein - eine sehr störende Abwesenheit. Die Rabbiner mussten sich lange mit der Debatte beschäftigen, ob dieses Buch überhaupt in den Tanach aufgenommen werden soll. Die Juden wurden ja “nur“ gerettet, weil die richtige Frau sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befand und in der Lage war, einen brutalen, törichten und nachgiebigen Herrscher zu beeinflussen, und weil die richtigen “Kontaktleute“ in der Außenwelt ihr Nachrichten zukommen lassen konnten. Es ist keine schöne, märchenhafte Geschichte.

Ich persönlich betrachte Purim als einen der wichtigsten und relevantesten jüdischen Feiertage. Technisch gesehen ist es nur ein “kleiner“ Feiertag - spät in den Kalender gekommen, mit wenigen liturgischen Besonderheiten, außer dem “Al Hanissim“-Gebet und dem Lesen der Megilla unter großem Jubel. Die Megilla beschreibt aber eine Gesellschaft, in der es keinen Unterschied gibt zwischen Gut und Böse und in der die Schwachen von den Starken ausgenutzt und ausgebeutet werden können. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Rabbiner nur einen Weg gesehen haben, wie wir dieses furchtbare Konzept ertragen können. Sie haben entschieden, dass wir uns mit Alkohol so stark betrinken sollen, dass auch wir nicht in der Lage sind, zwischen Segen und Fluch zu unterscheiden... Für einen Tag, und NUR für einen Tag, werden wir nicht nur ermutigt, sondern es wird uns sogar befohlen, wie “die anderen“ zu sein.

Was für ein furchtbarer Gedanke! Es ist kein Wunder, dass wir daraus eine freudige Party für die Kinder machen, damit sie sich verkleiden und Theater spielen können, ein Fest, an dem Juden Masken tragen und ihre Identität wechseln können, und an dem wir den Alkohol fließen lassen.....

Rabbiner Walter Rothschild

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