Eine
der bizarrsten, fantastischsten und unglaublichsten Theorien, die es über den
Zweiten Weltkrieg gibt und die gerade jetzt - zumindest in meinem Kopf -
zirkuliert, sagt, dass Eva Braun eine geheime Halbjüdin war. Als sie erfahren
hatte, was in der Wannsee Konferenz 1942 entschieden worden war, ist es ihr
gelungen, Adolf Hitler zu überzeugen, seine Pläne für die Juden und die
Endlösung der Judenfrage total zu ändern.
Nach einigen
dramatischen Spitzentreffen in Berchtesgaden änderte Hitler seine Meinung um 180
Grad; er befahl die Hinrichtung Himmlers in Plötzensee, zusammen mit zwölf
seiner SS-Generale, und beauftragte die Reichsvertretung der Juden, die NSDAP
Filialen in verschiedenen Städten und Ländern zu schließen, wenn nötig mit
Gewalt. Viele prominente Nazis wurden verhaftet, in die KZs Dachau, Buchenwald
und Oranienburg (Sachsenhausen) gebracht - und kamen nie wieder heraus. Der
Holocaust fand nicht statt, die Juden waren gerettet, und Mordechai ben Jehuda
wurde zum neuen Stellvertreter des Reichstagspräsidenten ernannt.
Hitler war ihm besonders dankbar, da sich durch ein altes und verborgenes
Gestapoarchiv herausstellte, dass Mordechai früher den Autoritäten einen
Putschversuch von Ernst Roehm und Martin Bormann gemeldet hatte und dadurch
Hitlers Leben gerettet hat, was bisher geheim gehalten wurde, weil er Jude war.
Jetzt aber wurde die ganze bürokratische Maschinerie des Reiches eingeschaltet,
um den Juden von diesem Zeitpunkt an ein Leben als ehrenhafte und geschützte
Bürger mit vielen Privilegien zu sichern.
Natürlich hat die
Geschichte nicht so stattgefunden - es ist sogar gesetzwidrig, hier zu
behaupten, dass es den Holocaust nie gegeben hätte! Trotzdem braucht man nur die
Megillat Esther zu lesen, um eine Geschichte zu finden, die so viele
Parallelen zeigt, dass es einem den Atem raubt: Intrigen von hohem Niveau in
einem totalitären und tyrannischen, zentralisierten Staatssystem; eine Menge
Beamte, die bereit sind, als gehorsame Schreibtischtäter die Dokumente und
Befehle vorzubereiten, zu vervielfachen und zu verschicken; ein Tyrann, der
bereit ist, einen Großteil der unschuldigen Bevölkerung seines Reiches zu
massakrieren wegen - weswegen eigentlich? - nur weil einer seiner Berater sie
nicht mag, weil er keine Geduld oder keinen Verstand hat.
Und dann in
allerletzter Minute die Rettung - die Täter werden als brutale Kriminelle
enttarnt und eliminiert, während die Juden gerettet werden. Und die ganze
Staatsmaschinerie - Bürokraten, Meldedienst, Post und Verkehrswesen alle, die
bisher den Befehl verbreiten sollten, die Juden zu isolieren, zu schwächen und
zu vernichten, bekommen jetzt den Gegenbefehl, die Juden mit Waffen auszustatten
und ihnen zu ermöglichen, sich gegen ihre Feinde zu wehren.
Und all das ist
scheinbar Zufall oder nur gutes Timing - Gott ist abwesend, Gott mischt sich
nicht direkt ein - eine sehr störende Abwesenheit. Die Rabbiner mussten sich
lange mit der Debatte beschäftigen, ob dieses Buch überhaupt in den Tanach
aufgenommen werden soll. Die Juden wurden ja nur gerettet, weil die richtige
Frau sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befand und in der Lage war, einen
brutalen, törichten und nachgiebigen Herrscher zu beeinflussen, und weil die
richtigen Kontaktleute in der Außenwelt ihr Nachrichten zukommen lassen
konnten. Es ist keine schöne, märchenhafte Geschichte.
Ich persönlich
betrachte Purim als einen der wichtigsten und relevantesten jüdischen Feiertage.
Technisch gesehen ist es nur ein kleiner Feiertag - spät in den Kalender
gekommen, mit wenigen liturgischen Besonderheiten, außer dem Al Hanissim-Gebet
und dem Lesen der Megilla unter großem Jubel. Die Megilla beschreibt aber eine
Gesellschaft, in der es keinen Unterschied gibt zwischen Gut und Böse und in der
die Schwachen von den Starken ausgenutzt und ausgebeutet werden können. Es ist
vielleicht kein Zufall, dass die Rabbiner nur einen Weg gesehen haben, wie wir
dieses furchtbare Konzept ertragen können. Sie haben entschieden, dass wir uns
mit Alkohol so stark betrinken sollen, dass auch wir nicht in der Lage sind,
zwischen Segen und Fluch zu unterscheiden... Für einen Tag, und NUR für einen
Tag, werden wir nicht nur ermutigt, sondern es wird uns sogar befohlen, wie die
anderen zu sein.
Was für ein furchtbarer
Gedanke! Es ist kein Wunder, dass wir daraus eine freudige Party für die Kinder
machen, damit sie sich verkleiden und Theater spielen können, ein Fest, an dem
Juden Masken tragen und ihre Identität wechseln können, und an dem wir den
Alkohol fließen lassen.....
Rabbiner Walter Rothschild