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Rundbrief März
April 2002
Nisan Ijar 5762
Auszug aus Ägypten
Werden wir gezogen oder geschoben? In wieweit gestalten
wir unsere eigene Geschichte? Wird Geschichte von Gott entschieden oder von den
Menschen? Fundamentalisten würden sagen, Gott entscheide alles; Humanisten
würden sagen, Menschen machen Geschichte; die jüdische Lehre ist, dass beide
sich die Verantwortung bis zu einem gewissen Grad teilen.
Wenn Menschen dabei eine aktive Rolle spielen, wer ist
gefragt? Wir oder die anderen? Individualisten sagen, wir schaffen alles
alleine, Kommunalisten setzen auf Gruppen, auf Staat und Gesellschaft, auf
Andere als Kontrolle; sensible Menschen (wenn es solche gibt) sehen eine
Kombination dieser beiden als wichtig an.
Aber WIR haben einen Anteil daran, unsere eigene
Geschichte, unser eigenes Schicksal zu entscheiden. Wenn wir es nicht täten,
wäre es sinnlos.
Eine Weise, wie wir unsere Geschichte beeinflussen, ist die
Art, wie wir sie definieren. Die klassische Frage in einer Welt voller
Kompromisse ist: Ist die Tasse halb voll oder halb leer? Können wir mit Blick
auf unsere Vergangenheit und den Auszug aus Ägypten sagen, dass wir von den
Ägyptern geschoben wurden, von Pharao deportiert, vertrieben - oder von Gott
und unserem Glauben gezogen, in die Wüste hinein?
Hier finden wir einige
wichtige Unterscheidungen zwischen der Tora- und der Haggada-Version des
Exodus. In der Tora-Version steht, dass Moses zu Pharao ging, um von ihm im
Namen Gottes zu verlangen: Lass mein Volk gehen, damit es mir in der Wüste
dienen kann. Was aber das Volk selbst betrifft, so ist es vom Text her
deutlich, dass die Menschen trotz Moses Rat eher von Ägypten weg
gingen als zum gelobten Land hin. In der Haggada jedoch wird uns
gesagt: Gott rettete sein Volk und befreite es, mit starker Hand und
ausgestrecktem Arm... Sie zogen in die Freiheit, zu einer neuen Bestimmung, und
die Befreiung von der Sklaverei war nur die erste, wenn auch unbedingt
notwendige Stufe in diesem Prozess.
Nun, hier kommen wir zu der Frage, die wir uns jedes Jahr
wieder stellen müssen. Und nicht nur wir, sondern jede Menschengruppe, die aus
ihrer Heimat hinausgeworfen worden ist: War es richtig, zu gehen, oder hätte man
besser bleiben sollen? Ist es besser zu bleiben und versklavt zu sein oder zu
fliehen - allen materiellen Besitz und viele andere persönliche Bezüge zu
verlieren - aber frei zu sein, frei und selbst
verantwortlich? Diese Art von Fragen mögen sich deutsche Flüchtlinge, die
zivilen Flüchtlinge des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre, die von
Schlesien oder Ostpreußen vertrieben wurden oder von Ost nach West flohen, auch
gestellt haben. Die Frage könnten sich auch jene Araber, die 1948 das Gebiet des
heutigen Israel verließen, stellen. Wann hört man auf, ein Flüchtling zu sein?
Nicht dann, wenn man die alte Heimat wiedergewonnen hat, sondern wenn man in
einer neuen heimisch geworden ist. Dies könnte ein Land sein, eine Identität,
vielleicht eine spirituelle Heimat oder ein Lebenssinn.
Welcher Unterschied liegt zwischen den beiden Sichtweisen,
sich in die Freiheit zu retten einerseits und in die Wüste getrieben zu werden
andererseits? Der Unterschied liegt darin, ob man die Wüste bezwingt oder von
ihr besiegt wird. Die Israeliten mussten Ordnung und Hierarchie, Gesetz und
Autorität einführen und sie mussten Gott akzeptieren. So wurde sogar die
Wüstengeneration, der Dor HaMidbar, der es noch an Glauben mangelte und der es
nicht vergönnt war, das neue Land zu sehen, Teil einer Zukunft, und sie blieb
nicht nur eine Vergangenheit.
Die Herausforderung bleibt groß, sogar heute noch... Wie
wollen wir ihr begegnen?
Chag kascher veSameach!
Rabbiner Walter Rothschild |