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Rundbrief August Oktober 2002
Elul 5762 Cheschwan 5763
Brief von Emanuel
Kirschner vom 29.6.1938:
Der Abriss der Münchner Hauptsynagoge
Emanuel Kirschner, geboren am 15.2.1857 in Rokittnitz/Rokitnica
(Polen),
wirkte seit 1881 als 1. Kantor an der Münchner Hauptsynagoge.
Daneben unterrichtete er Musik und Sologesang an der Akademie der Tonkunst
München. Kirschner veröffentlichte zahlreiche synagogale Kompositionen, die
bis heute in einigen, der liberalen Tradition der Vorkriegszeit, verbundenen
Gemeinden, zu Gehör gebracht werden. Er
verstarb am 28.9.1938 in München, vgl. Richarz S. 133ff.
(Der abgedruckte
Brief wurde von Herrn Rudi Dayan, Haifa, zur Verfügung gestellt. Die
Übersetzung der hebräischen Textstellen besorgte Frau Brigitte Schmidt)
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"Meine Lieben!
Auch uns kommt heute alles Erlebte u. alles Geschehen wie ein fruchtbarer
Traum vor, der leider schreckliche Wirklichkeit geworden ist. Ihr habt sicher
schon vielerlei darüber gehört.
Wir selbst konnten uns bisher noch nicht zu
einem Brief an Euch, meine Lieben, aufraffen. Doch länger will ich nicht
schweigen, vielmehr meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß Ihr G. s. d. alle
von der Papadatschi (22)
völlig wiederhergestellt seid.
Und nun zu uns und unserem furchtbaren Schicksal. Mittwoch, 8.d.M., machten wir bei wundervoll sonnigem
Wetter einen Ausflug nach Kleinheßelohe, wo wir seit Jahren nicht mehr gewesen
waren.
Um 6 Uhr kam ich heim u. fand Bärwald ( 23)
mit verstörter Miene am Tor
stehen, neben ihm Rabbiner Wahnmann aus Oels, der während der Rabbinertagung
unser Logiergast war u. Glaser, der mich fragte, ob ich noch nichts von der...
(hebräisch, unleserlich, vermutlich roa gesera) wisse. Auf meine
verneinende Antwort erfuhr ich sodann, die Synagoge müsse abgebrochen werden, um
einen Parkplatz zu schaffen, das gleiche Schicksal treffe auch unser
Gemeindehaus, in dem wir wohnen, das bis spätestens in 4 Wochen geräumt sein
müsse. Um 18.15h fände der Abschiedsgottesdienst statt. Wir verfügten uns in
unsere Wohnung, wo nach wenigen Minuten Dr. Bruno Finkelscherer kam, um mich in
Bärwalds Namen zu ersuchen als Abschluß des letzten Gottesdienstes in der
Synagoge, die ich vor 51 Jahren mit
eingeweiht hatte, den 102. Psalm zu
rezitieren.
Zunächst hielt ich dies für unmöglich, nicht nur, weil ich meine
Stimme für eingerostet hielt, dann aber vor allem, weil ich aufs tiefste mich
erschüttert fühlte. Als es soweit war, ging ich vor den Schulchan
(24), fing mit
beschwertem Gemüt zu singen an, u. ein nes (25)
geschah, denn meine Stimme klang
rein u. kräftig u. wenn mich das Trauergefühl übermannte, dann übertrug sich
diese Stimmung auch auf die die Synagoge füllende Gemeinde, deren Augen, wie die
meinigen, nicht tränenlos blieben.
Der ergreifendste Moment sollte aber erst
kommen, als wir mit der sefer thora im Arm das dem Untergang geweihte bejt
haknesset (26)
verließen. Wer nur irgendwie sich herandrängen konnte, küßte
inbrünstig unter Schluchzen u. Stöhnen die sifrej torah (27),
die dann ihren vorläufigen Aufbewahrungsort in der Bibliothek erhalten.
Schon am nächsten
frühen Morgen begann das Verwüstungswerk unter lärmendem Gehämmer, unter Abbröcklung u. wo das Gestein sich hart wie Granit erwies, nahmen die Arbeiter
Zuflucht zu Sprengungen, die unser Haus vom Keller bis zum Dach erbeben ließen.
Es war klar, daß wir in diesem Hause mit dem Blick auf die fortschreitende
Verwüstung nicht mehr bleiben konnten. So ging ich denn zu unserem Syndikus,
Justizrat Dr. Oesterreich (28), der mir von vornherein erklärte, die Frage unserer
zukünftigen Wohnung sei bereits von ihm und unserem Parnass
(29)
erörtert worden.
Er ließ vorschlagen, daß im Israelitischen Pensionat, Kaulbachstraße 65, 2
schöne Zimmer uns zur Verfügung gestellt würden, es liege vor allem daran, uns
einen geruhsamen Lebensabend zu verschaffen. Um überhaupt ein Dach über dem Kopf
zu erhalten, griff ich mit allen Fingern zu u. so wurde es ernst mit den
Vorbereitungen zum Umzug.
Freitag Abend fand zum ersten Mal der Gottesdienst in
der Werktagssynagoge doch in drangvoll fürchterlicher Enge statt. Natürlich
schon ohne
Orgel, die bereits den Weg alles irdischen gegangen war, auch ohne Chor. Ich
amtierte als Leithammel, indem ich die Gemeinde anführte u. siehe da, plötzlich
hatten wir den bisher fehlenden Gemeindegesang, zwar noch nicht immer geregelt, aber die
Gemeinde beteiligte sich begeistert. Ebenso am darauffolgenden Sabbat.
Nach dem
Gottesdienste bat mich unser Parnass in sein Zimmer u. fragte mich, ob es denn
möglich sei, auch wenn ich im Kaulbachheim wohne, den Gottesdienst am Sabbat
regelmäßig zu besuchen, um meines freiwilligen Amtes als Führer auch weiterhin
zu walten. Meiner Antwort, es sei mir nicht möglich, zu Fuß diesen weiten Weg
zurückzulegen, begegnete er mit der naiven Frage, ob ich um des guten Zweckes
willen nicht fahren könnte. Ich: erstens verstößt das gegen das Gesetz u. 2. sei
die Instanz dafür das Rabbinat. Und als N. (30)
dem Rabbiner diese (,..) (31)
vorlegt,
erwidert B. (32): Selbst, wenn ich das Fahren am Sabbat erlauben würde, so bin ich
überzeugt. Kirschner wird von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen. (...)"
Siehe auch:
Sich erinnern und neu bauen
Auf persönlichen Befehl von Adolf Hitler wurde
die Münchner Hauptsynagoge zerstört.
22 Eigentlich: Papatad (ital.), Papatasiimücke, die das
Papatasiifieber überträgt.
23 Richtig: Baerwald. Rabbiner der Gemeinde.
24 Tisch zum Entfalten der Thorarolle auf dem Almemor.
25 Wunder.
26 Synagoge.
27 Thorarollen.
28 Richtig: Oestreich, Carl (2. Vorsitzender der Kultusgemeinde).
29 Vorstand der Gemeinde.
30 Neumeyer, Alfred.
31 unleserlich, vermutlich "kasche"
32 Baerwald, Leo.
Kristallnacht
Gewalt gegen die Münchner Juden im November
1938
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