Rundbrief Januar – Februar 2003
Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom
Schwat - Adar 5763

Welche Wahrheit?

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Vor kurzem habe ich bei einem so genannten Dialog mit einem palästinensischen Vertreter gelitten. Zu einem echten Dialog kam es nämlich nicht. Trotzdem war es sehr interessant. Viele kennen die Situation im Nahen Osten überhaupt nicht. Man braucht ein bisschen Wissen über einige Fakten – ein Stück Wahrheit.

Es ist historisch wahr, dass Arafat die „Fatach“-Bewegung 1964 gegründet hat – also drei Jahre vor dem Sechs-Tage-Krieg. Wenn man von „Israels Schuld“ redet, lohnt es sich zu fragen: Welche Teile des Landes genau sind „besetzt“, von wem und seit wann? Es ist Fakt, dass Ägypten, Jordanien und Syrien die Teile des Mandatsgebiets Palästina, die für einen arabischen Staat bestimmt waren, besetzt haben. Von 1948 bis 1967 – fast 20 Jahre lang – hat kaum jemand geklagt. Nur seit Israel in einem defensiven Krieg gegen Jordanien die West-Bank besetzt hat, heißt es „besetztes Gebiet“. Für mich ist das merkwürdig.

Es wurde uns gesagt: Europa ist an allem Schuld, weil die Juden wegen der Schoa Europa verlassen wollten und sich ein „arabisches Land“ aussuchten. Aber woher stammen all die sephardischen Juden? Kommen sie nicht aus muslimischen Ländern? Und wenn sie dort so glücklich waren, warum haben sie alles hinter sich gelassen, um nach Israel zu kommen?

Es wurde uns gesagt, Israel hat Teile von Jerusalem „nach 1967 besetzt“. Auf dem Stadtplan, der gezeigt wurde, habe ich bemerkt, dass einer dieser „Flecken“ zum Beispiel das Jüdische Viertel in der Altstadt war! Wo Juden für Jahrhunderte gelebt haben, bis sie 1948 vertrieben oder getötet worden waren! Keiner wusste das…

Ich zitierte aus den Torah (ich bin kein Fundamentalist, aber man kann und soll den eigenen Text kennen), dass Abraham die Grabstelle für seine Frau von einem Hethiter gekauft hat. Da kam plötzlich die Entgegnung: „Wir sind alle Söhne Abrahams – deswegen haben wir Muslime auch einen Teil des Erbes“. Interessant. Ich musste leider sagen, dass Abraham dieses Stück Land für Sarah gekauft hat, nicht für Hagar, dass Itzhak dort liegt, nicht Ishmael.

Ich fand es aufschlussreich. Wenn es passt, sollen die Juden ihr Erbe mit den Muslimen teilen, als Brüder. Und umgekehrt?! Wir stehen vor einer sehr interessanten Periode in der Weltgeschichte. Es wird nicht einfach sein. Es gibt fundamentalistische Juden, Christen und Muslime. Obwohl wir (leider) einige Ausnahme kennen, sind im Prinzip auch die fundamentalistischen Juden bereit, mit anderen zu leben – das heißt, sie versuchen nicht, die ganze Welt jüdisch zu machen. Im Prinzip erwarten die fundamentalistischen Christen (und sie hoffen darauf) einen Endkrieg zwischen einem Messias und dem Bösen – und danach werden alle Überlebenden Christen sein. Und die muslimischen Fundamentalisten hoffen auf eine muslimische Welt, in der alle Muslime sein sollen. Und die Liberalen – in allen Gruppierungen – verstehen diese Bedrohungen noch nicht. Wir glauben noch immer, dass die Menschen rational, tolerant und intelligent sind – wie wir.

Wahrheit ist nicht bequem; aber genau deswegen ist sie so wichtig. Nicht nur im Nahen Osten, aber – für uns – besonders dort. Fakten und Wissen sind eine gute Impfung gegen Lügen und Unwissen. „Emet wezedek“ ist ein Begriff – Wahrheit und Gerechtigkeit. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken…

Schalom

Rabbiner Walter Rothschild


Gedenken an die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge

Remembering the Destruction of the Central Synagogue Munich


Die "kleine Torah" kehrt nach Deutschland zurück

Rabbiner Ordination

Jüdische Weisheit

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