Rundbrief März – Mai 2003
Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom
Adar - Ijjar 5763

Rabbiner W. Rothschild zu Pesach 5763

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Frei sein

Wie ist es, frei zu sein? Von der Vergangenheit befreit? Wir Juden sind noch nicht von der Vergangenheit befreit, und vielleicht werden wir nie ganz befreit werden. Aber solange das so ist: Wie kann man von Freiheit reden? Ist Freiheit nur ein politischer Begriff und kein moralischer oder psychologischer?

Für Juden in Deutschland gibt es noch weitere Fragen. Auch die Deutschen sind nicht von ihrer Vergangenheit befreit – das hat die Präambel zum Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland sehr klar gezeigt. Ich bin natürlich nicht gegen eine Erinnerung an die historischen Geschehnisse (am 27. Januar war ich wieder in Auschwitz bei der dortigen Gedenkfeier). Ich bin aber nicht sicher, ob es sich wirklich lohnt, jedes Mal auf diese Periode zu verweisen, wenn es um Geld und Unterstützung für die Gegenwart geht. Ich denke, dabei geht es manchmal um eine Selbst-Bindung, eine Selbst-Versklavung. Das ist nicht gesund.

Auch die Israeliten in der Wüste sahen zurück. Mosche wollte sie immer ermutigen, vorwärts zu blicken – auf das gelobte Land, wohin sie gehen sollten. Stattdessen konnten sie nur rückwärts auf das gute Essen und die Sicherheit in Ägypten blicken. Sicherheit bedeutete dort, dass sie nicht für sich selbst zu denken brauchten, dass alles schon organisiert war. Sie hatten Angst vor der Zukunft und Vertrauen nur in die Vergangenheit. Am Ende gab es Ärger.

Als liberale Juden in Deutschland sind wir natürlich an unsere Vergangenheit gebunden. Wir wissen, dass wir auf die Traditionen unserer Vorgänger bauen können. Wir wissen aber auch, dass es kein Rückwärts geben kann, kein Zurück zu den guten alten Tagen und – hoffentlich – kein Zurück zu den schlechten alten Tagen. Stattdessen müssen wir vorwärts gehen und eine neue jüdische Gemeinschaft für die Zukunft bauen.

Dass wir frei sind, so etwas zu denken, so etwas zu tun – das ist schon einer Wunder. Mah Nischtanah HaJom HaZeh? Wieso ist dieser Tag (nicht diese Nacht) anders? Weil es ein Tag, eine Zeit der Befreiung ist. Trotz aller Laster, trotz aller Ängste. Man braucht nur Mut und Glauben.

Schalom und ein gutes, koscheres Pessach
wünschen Rabbiner Walter Rothschild und Familie


Gedenken an die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge

Remembering the Destruction of the Central Synagogue Munich


Die "kleine Torah" kehrt nach Deutschland zurück

Rabbiner Ordination

Jüdische Weisheit

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