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Frei sein
Wie
ist es, frei zu sein? Von der Vergangenheit befreit? Wir Juden sind noch nicht
von der Vergangenheit befreit, und vielleicht werden wir nie ganz befreit
werden. Aber solange das so ist: Wie kann man von Freiheit reden? Ist Freiheit
nur ein politischer Begriff und kein moralischer oder psychologischer?
Für
Juden in Deutschland gibt es noch weitere Fragen. Auch die Deutschen sind nicht
von ihrer Vergangenheit befreit – das hat die Präambel zum Staatsvertrag mit dem
Zentralrat der Juden in Deutschland sehr klar gezeigt. Ich bin natürlich nicht
gegen eine Erinnerung an die historischen Geschehnisse (am 27. Januar war ich
wieder in Auschwitz bei der dortigen Gedenkfeier). Ich bin aber nicht sicher, ob
es sich wirklich lohnt, jedes Mal auf diese Periode zu verweisen, wenn es um
Geld und Unterstützung für die Gegenwart geht. Ich denke, dabei geht es manchmal
um eine Selbst-Bindung, eine Selbst-Versklavung. Das ist nicht gesund.
Auch die Israeliten in der Wüste sahen zurück. Mosche wollte sie immer
ermutigen, vorwärts zu blicken – auf das gelobte Land, wohin sie gehen sollten.
Stattdessen konnten sie nur rückwärts auf das gute Essen und die Sicherheit in
Ägypten blicken. Sicherheit bedeutete dort, dass sie nicht für sich selbst zu
denken brauchten, dass alles schon organisiert war. Sie hatten Angst vor der
Zukunft und Vertrauen nur in die Vergangenheit. Am Ende gab es Ärger.
Als
liberale Juden in Deutschland sind wir natürlich an unsere Vergangenheit
gebunden. Wir wissen, dass wir auf die Traditionen unserer Vorgänger bauen
können. Wir wissen aber auch, dass es kein Rückwärts geben kann, kein Zurück zu
den guten alten Tagen und – hoffentlich – kein Zurück zu den schlechten alten
Tagen. Stattdessen müssen wir vorwärts gehen und eine neue jüdische Gemeinschaft
für die Zukunft bauen.
Dass wir frei sind, so etwas zu denken, so etwas zu tun – das ist schon einer
Wunder. Mah Nischtanah HaJom HaZeh? Wieso ist dieser Tag (nicht diese
Nacht) anders? Weil es ein Tag, eine Zeit der Befreiung ist. Trotz aller Laster,
trotz aller Ängste. Man braucht nur Mut und Glauben.
Schalom und ein gutes, koscheres Pessach
wünschen Rabbiner Walter Rothschild und Familie |