Rundbrief Mai-Juni-Juli 2003
Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom
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Rabbiner Walter Rothschild

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SOMMERZEIT

Der Sommer kommt. Die Sonne scheint. Viele Menschen haben früher die Sonne angebetet. Sie wurde als Quelle des Lichts, der Energie, der Macht angesehen, als Symbol für Kraft und Stärke. Ohne Sonne gibt es kein Leben, keine Existenz, keine Welt.

Interessanterweise ist in vielen Sprachen die Sonne männlich und der Mond weiblich. Er gilt als blasse Widerspiegelung der Sonne, als Gefährtin, nicht als Initiatorin. In der deutschen Sprache ist es umgekehrt. Warum? Es interessiert mich ebenso wie die Frage, warum einige Völker ein Vaterland haben, andere ein Mutterland. Was sagt uns diese philologische Besonderheit?

Der Sommer kommt. Und mit der Sonne auch andere Erscheinungen. Die Omer-Periode erinnert uns, dass alle unsere Tage gezählt sind; Schawuot erinnert uns an unsere Pflichten als Menschen und als Juden – die beiden Begriffe sind natürlich eng verbunden, aber nicht immer identisch. Denn obwohl alle Juden Menschen sind (und das hat die Welt nicht immer verstanden), sind nicht alle Menschen jüdisch! Und wir haben besondere Pflichten, gegenüber dem anderen und gegenüber Gott. Tischa B'Aw fällt auch in diese Jahreszeit. Wir erinnern, dass es dunkle Zeiten gab. Auch im Sommer.

Der Sommer kommt. Die Saat wächst, wird langsam reif. Bald kommen Ferien, Freizeit. Und danach ist Herbst. Eine Zeit der Rechnung. Was haben wir in diesem Jahr wirklich geschafft, wie steht es um unsere Ernte? Nicht nur um Obst- und Getreideprodukte, die uns während des Winters ernähren, sondern wie sehen unsere persönlichen Erfahrungen aus, die Ergebnisse unserer Gedanken und Taten? Unsere spirituelle Ernährung?

Der Sommer kommt. Viele haben die Sonne angebetet, weil sie dachten, alles Gute kommt von der Sonne herab. Deswegen hatten sie Angst, als die Sonne jeden Abend unterging, als sich die Sonne im Winter von der Erde distanzierte, schwach und blass aussah, länger "im Schlaf" blieb. Aber wir wissen es besser. Wir wissen: Auch wenn die Sonne nicht scheint, bleibt Gott Gott. Pflichten – Mitzwot – bleiben Pflichten. Die Jahreszeiten verändern sich. Wir werden jedes Jahr ein Jahr älter. Und besser? Das hängt von uns ab. Nicht von der Sonne.

Ich wünsche alle Gemeindemitglieder einen guten, aber auch fruchtbaren Sommer.

Schalom, Rabbiner Walter Rothschild


Gedenken an die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge

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