|
|
SOMMERZEIT
Der Sommer kommt. Die Sonne scheint. Viele Menschen haben
früher die Sonne angebetet. Sie wurde als Quelle des Lichts, der Energie, der
Macht angesehen, als Symbol für Kraft und Stärke. Ohne Sonne gibt es kein Leben,
keine Existenz, keine Welt.
Interessanterweise ist in vielen Sprachen die Sonne
männlich und der Mond weiblich. Er gilt als blasse Widerspiegelung der Sonne,
als Gefährtin, nicht als Initiatorin. In der deutschen Sprache ist es umgekehrt.
Warum? Es interessiert mich ebenso wie die Frage, warum einige Völker ein
Vaterland haben, andere ein Mutterland. Was sagt uns diese philologische
Besonderheit?
Der Sommer kommt. Und mit der Sonne auch andere
Erscheinungen. Die Omer-Periode erinnert uns, dass alle unsere Tage gezählt
sind; Schawuot erinnert uns an unsere Pflichten als Menschen und als Juden – die
beiden Begriffe sind natürlich eng verbunden, aber nicht immer identisch. Denn
obwohl alle Juden Menschen sind (und das hat die Welt nicht immer verstanden),
sind nicht alle Menschen jüdisch! Und wir haben besondere Pflichten, gegenüber
dem anderen und gegenüber Gott. Tischa B'Aw fällt auch in diese Jahreszeit. Wir
erinnern, dass es dunkle Zeiten gab. Auch im Sommer.
Der Sommer kommt. Die Saat wächst, wird langsam reif. Bald
kommen Ferien, Freizeit. Und danach ist Herbst. Eine Zeit der Rechnung. Was
haben wir in diesem Jahr wirklich geschafft, wie steht es um unsere Ernte? Nicht
nur um Obst- und Getreideprodukte, die uns während des Winters ernähren, sondern
wie sehen unsere persönlichen Erfahrungen aus, die Ergebnisse unserer Gedanken
und Taten? Unsere spirituelle Ernährung?
Der Sommer kommt. Viele haben die Sonne angebetet, weil
sie dachten, alles Gute kommt von der Sonne herab. Deswegen hatten sie Angst,
als die Sonne jeden Abend unterging, als sich die Sonne im Winter von der Erde
distanzierte, schwach und blass aussah, länger "im Schlaf" blieb. Aber wir
wissen es besser. Wir wissen: Auch wenn die Sonne nicht scheint, bleibt Gott
Gott. Pflichten – Mitzwot – bleiben Pflichten. Die Jahreszeiten verändern sich.
Wir werden jedes Jahr ein Jahr älter. Und besser? Das hängt von uns ab. Nicht
von der Sonne.
Ich wünsche alle Gemeindemitglieder einen guten, aber auch
fruchtbaren Sommer.
Schalom, Rabbiner Walter Rothschild |