Rundbrief
Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom
November 2003 – Januar 2004 • 5764 Cheschwan–Schewat
 

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Chanukah:
An alte Zeiten denken

Rabbiner Walter Rothschild

Wenn man darüber nachdenkt, ist Chanukah ein sehr zionistisches Fest. Die frommen Juden in Israel haben für ihre Religion und ihre Freiheit gekämpft. An Purim sind es assimilierte Juden in „Ganz-weit-weg“-Persien, an die wir uns erinnern. An Chanukah geht es um Jerusalem und um die Zerstörung von Götzenbildern. Und danach, wenn man in dem zweiten Makkabäerbuch weiter liest, um die militärische Rettung der unterdrückten und bedrohten jüdischen Bewohner in Nachbarländern. Das klingt sehr aktuell.

Die Zeiten sind immer schwer gewesen. Es gab immer viel Finsternis in unserer Welt. Politisch und spirituell. Manchmal hat man das Gefühl, ein Licht hat nur den Effekt, die Finsternis der Umgebung noch dunkler zu machen. Und trotzdem soll man Lichter zünden, soll man in dunklen, kalten Stunden an bessere Zeiten denken, soll man essen und singen und sich freuen, dass wir frei sind, das zu tun.

Chanukah ist mehr als Sufganiot und Kerzen. Wir können und sollen das Fest genießen. Aber hinter diesem Fest liegt sehr viel mehr. Es ist wichtig, daran zu denken. Weil die Zeiten schwer bleiben, und die Finsternis wie immer droht.

Und eine weitere Frage für Chanukah. Glauben wir noch an Wunder? Es gibt die Geschichte von einem Wunder – dass man mit sehr wenig Öl eine Extra-Woche lang auskommen konnte. So einfach ist das Leben nicht. Können wir als Erwachsene, zynisch, wie wir sind, an solche Geschichten glauben?

Wir müssen nicht. Es gibt in moderneren Zeiten Wunder genug, in jedem Leben gibt es Wunder genug. Aber an acht Abenden an die alten Zeiten zu denken und daran, wie schwierig das Leben für Juden auch damals war, kann uns vielleicht ein wenig Hoffnung für die Gegenwart geben. Es ist keine Frage, ob man an Wunder glauben kann. Wie der alte Witze sagt: Man MUSS heute an Wunder glauben, um ein Realist zu sein.

Schalom, Rabbiner Walter Rothschild

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